Zusammenfassung und Ausblick – 1989 – verklärte Erinnerung oder modernes Erbe?
Mit ihrer Auftaktveranstaltung im Rahmen des Veranstaltungs- und Websiteprojektes „Lebendiges 89“ wollte die GRÜNE-Fraktion im Sächsischen Landtag einen Unterschied im Erinnerungsreigen des Jubiläumsjahres der Friedlichen Revolution setzen.
Dominieren bisher in der öffentlichen Diskussion rückwärtsgewandte Erinnerungsdebatten, stellten die Podiumsteilnehmer Michael Beleites, Annette Leo und Michael Weichert (Gabriele Gillen und Albrecht von Lucke mussten kurzfristig absagen) die Frage nach dem Heute. Für Sie als Bürgerbewegte des Jahres 1989 sind Anliegen und Absichten von damals nach wie vor mehr als nur noch Stoff für Denkmäler, Museen und west-ostdeutsche Befindlichkeitsdebatten.
Leitende Frage von Podium und Teilnehmern der Veranstaltung war, ob die 89er Erfahrungen und Ziele noch heute leitend für die gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen sind.
Michael J. Weichert (1989 Neues Forum, Gründungsmitglied Bündnis 90; Stadtrat und MdL, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) kritisierte eingangs die aus seiner Sicht vorherrschende Verkürzung der Debatte um 1989 auf Mauerfall und Einheit. Insbesondere in der Perspektive westdeutscher Beobachter und der CDU werden die Ereignisse in erster Linie aus dem späteren Ergebnis der Wiedervereinigung erzählt. Demgegenüber muss Weichert zufolge die eigenständige Rolle der 89er-Ereignisse als Freiheitsrevolution hervorgehoben werden, der zuanfangs überhaupt nicht um die nationale Frage ging.
Michael Beleites (Mitbegründer der DDR Umweltbewegung; heute Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen) relativierte die Sichtweise, es gänge in den gegenwärtigen Debatten nur um die Deutung von 1989 im Lichte des Einigungsprozesses. Aus seiner Sicht werden die Debatten wesentlich differenzierter geführt. Der Trend zur Verklärung ist freilich nicht zu leugnen, Bezüge zur heutigen Situation vermisst er. Eine Ursache warum 1989 wie in der heutigen Diskussion sehr schnell die Einheitsdiskussion eine Rolle spielt, liegt ihm zufolge darin, dass die Ereignisse von 1989 eine weitgehend konzeptlose Revolution waren. In dieses Vakuum konnte das westdeutsche Gesellschaftskonzept hineinstoßen. Gleichwohl seien viele der damals durchaus vorhandenen, aber nicht wirkmächtigen Konzepte heute unverändert aktuell.
Annette Leo (Historikerin beim Forschungsprojekt "Erinnerung – Macht – Geschichte" an der Universität Jena), sich selbst als „Aktivistin der letzten Stunde“ bezeichnend, bemängelt, dass insbesondere die 1989 erwachte „kritische Öffentlichkeit“ in Ost wie West zunehmend verlustig gegangen sei. Die Überwindung von Sprachlosigkeit und das Hinaustreten aus privaten Meinungsräumen sei ein bleibender Impuls der Selbstermächtigung von 1989.
Bezüge zu aktuellen erinnerungspolitischen Diskussion blieben auch bei dieser Veranstaltung nicht aus. Weder die Rolle weiterhin in führenden Funktionen tätiger DDR-Funktionäre insbesondere der Blockparteien noch die Tendenz zur Vermarktung der 1989er-Ereignisse in Leipzig wurden ausgespart.
In der Diskussion über ein heute lebbares Erbe der Friedlichen Revolution wurden kam zunächst die Frage nach den Motiven der Revolution auf. Die Ursachen für das schnell abebbende politische Engagement nach 1989 liegt unter anderem in den weitverbreiteten materiellen Motiven der Masse der Demonstrierenden begründet. Die verschiedenen politischen Gruppierungen waren innerhalb der DDR-Gesellschaft ebenso in einer deutlichen Minderheit wie die positive Haltung zu eigenem politischen Engagement selbst.
Bleibende Aufgabe ist es dementsprechend auch heute angesichts einer weitgehend unpolitischen Mehrheitsgesellschaft das Bewusstsein für den Wert politischer Selbstermächtigung wachzuhalten. Inhaltliche Anknüpfungspunkte waren neben der Frage etwa nach weiterhin uneingelösten Schulkonzepten weiterreichende gesellschaftliche Fragen wie nach den Grenzen des Wachstums. Die Frage, wie Wirtschaft jenseits des dominierenden kapitalistischen Modells gedacht und Schrumpfungsprozesse organisiert werden können, sind verbindende Themen von 1989 und heute. Auf der Ebene des politischen Prozesses spielt nachwievor eine Rolle, wie außerparlamentarische Bewegungen auf Parteien wie die gesamte Politik Einfluss nehmen können.
Bleibende Themen, die sich in der Veranstaltung herauskristallisierten und die in den weiteren Diskussionen aufgenommen werden, sind unter anderem die Bewältigung von fundamentalen gesellschaftlichen Krisen, die Gestaltung von Wirtschaftsprozessen jenseits sozialistischer und kapitalistischer Modelle und die Gelegenheitsstrukturen politischen Handelns.
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