Weichen richtig stellen für mehr ÖPNV in der Oberlausitz
Pünktlich-häufig-zügig – das sind die Anforderungen, die auch die Fahrgäste in der Oberlausitz an einen zeitgemäßen öffentlichen Verkehr stellen. Doch wie sieht es tatsächlich vor Ort aus?
Dieser Frage ging die GRÜNE-Landtagsfraktion mit einer Diskussion in Ebersbach-Neugersdorf nach. Auf dem Podium hatten Platz genommen: Hans-Jürgen Pfeiffer, Geschäftsführer des Zweckverbands Verkehrsverbund Oberlausitz-Niderschlesien; Matthias Böhm, Verkehrsplaner und Eva Jähnigen, verkehrspolitische Sprecherin der GRÜNEN-Fraktion.
In ihrem Eröffnungsvortrag erläuterte Eva Jähnigen zunächst, weshalb es in Sachsen mehr Bahnen brauche und weshalb die GRÜNE-Landtagsfraktion zu Veranstaltungen wie dieser einlädt. Grundmaxime sei die gute Erschließung sowohl städtischer als auch ländlicher Räume: Der Bahnverkehr sei hierfür ein essenzieller Bestandteil. „Wir müssen auch eine gute Mobilität für diejenigen sicherstellen, die kein Auto nutzen wollen oder können“, so Jähnigen. Sie kritisierte, dass in den vergangenen zehn Jahren eine zunehmende Ausdünnung des Schienenfernverkehrs in Sachsen zu beobachten gewesen sei und der Regionalverkehr hier verstärkt als Lückenfüller diene. Zwar gebe es einen Stundentakt auf Hauptverbindungen wie Leipzig – Berlin – Hamburg oder Dresden – Leipzig – Frankfurt, doch seien die fehlenden Fernverkehrsverbindungen insbesondere in Ost– und Westsachsen ein großes Problem.
Auf regionaler Ebene fehle es an Linienabstimmungen in den Bahnhöfen, um Umstiege effizient zu gewährleisten, ebenso wie an einer Abstimmung zwischen Bus und Bahn im Nahverkehr. Auch die verschiedenen unübersichtlichen Tarifstrukturen wurden kritisiert. Dabei habe Sachsen durchaus große Potenziale. So hat der Freistaat das dichteste Streckennetz in Deutschland und trotz der Probleme und Kürzungen der letzten Jahre konnten die Fahrgastzahlen zwischen 2008 und 2011 um acht Prozent gesteigert werden. Dass sich zielgerichtete Investitionen und eine geschickte Planung auszahlen, zeige das Beispiel Leipzig – Halle. Durch den Streckenausbau, einen Um– und Neubau von Stationen und einen besseren Takt konnten die Fahrgastzahlen zwischen 2004 und 2009 verdoppelt werden.
Trotz solcher Positivbeispiele kürzte die Staatsregierung beim ÖPNV in den Jahren 2011 bis 2014 jedoch insgesamt 132 Mio. €, zudem reicht Sachsen nur 73 Prozent der Regionalisierungsmittel an die Verkehrsverbünde weiter (NRW: über 90 Prozent). Viele Strecken seien daher von Stilllegung bedroht. Es bedürfe neuer Handlungsansätze und einer geschickten Vernetzung von Bus und Bahn, um den Öffentlichen Verkehr nicht nur zu retten, sondern auch attraktiver zu machen. Im Masterplan Sachsentakt 21 – einem Konzept der GRÜNEN-Landtagsfraktion – sei genau eine solche Vernetzung konzipiert worden. Ein Stundentakt für alle Strecken, eine Abstimmung aller Angebote, fahrgastfreundliche Fahrzeuge sowie leicht zugängliche Informationen seien die Eckpunkte dieses Konzeptes. Ein integraler Taktfahrplan soll die effiziente Verknüpfung aller öffentlichen Verkehrsmittel vom Fernverkehr und schnellen Regionalverkehr über Regionalbahn und Taktbus bis hin zum Schülerverkehr und sog. alternativen Angebotsformen sicherstellen. Die Schieneninfrastruktur in Sachsen biete dafür bereits gute Vorausstzungen, nur an einigen Streckenabschnitten seien Ausbaumaßnahmen mit überschaubaren Einmalinvestitionen notwendig. Der Betrieb sei bei einer angestrebten Fahrgastverdopplung mit den gleichen zur Zeit aufgewendeten Finanzmitteln möglich.
Der Verkehrsplaner Matthias Böhm begann seine Ausführungen nachfolgend zunächst mit einer Bestandsanalyse des Nahverkehrs in der Region Ostsachsen. Auf den ersten Blick gäbe es gute Verbindungen, etwa auf der Strecke Dresden – Zittau. Allerdings musste der Fahrplan durch geringes Fahrgastaufkommen und Spardruck seitens der Landesregierung ausgedünnt werden. Manche Schienenstrecken mussten auch ganz stillgelegt werden. Das Konzept Sachsentakt könnte diesen Entwicklungen entgegenwirken und den Schienenverkehr in der Region wieder stärken und attraktiv machen. Er erläuterte konkrete Ideen für Streckenreaktivierungen und Neubestellungen in der Oberlausitz und ging detailliert auf die Möglichkeiten des Taktbusses in dieser Region ein. Dieses Modell könnte die Mobilität der Bevölkerung auf nachfragestarken Relationen ohne direkte Bahnverbindung sicherstellen. Auf der Strecke Seifhennersdorf – Neugersdorf – Löbau, die derzeit schon durch eine Buslinie bedient wird, gäbe es bereits heute über 700 Fahrgäste pro Tag. Zwar fahre annähernd jede Stunde ein Bus, doch das Fahrplangefüge sei unübersichtlich und das Angebot am Wochenende unzureichend. Zudem fehle eine Verknüpfung mit der Bahn am Bf. Neugersdorf. Matthias Böhm war überzeugt, dass mit geringfügiger Mehrbestellung und durch eine Neukonzeptionierung auf dieser Relation eine Referenzstrecke für den Taktbus in der Oberlausitz geschaffen werde könne. Bei den nach der Kreisgebietsreform 2008 nicht weiter entwickelten Organisationsstrukturen wäre es für eine effiziente Nahverkehrsbestellung geschickt, die Verkehrsverbünde VVO und ZVON zu einem gemeinsamen Verkehrsverbund mit einheitlichen Tarifen zu fusionieren. Abschließend ging Matthias Böhm auch auf den grenzüberschreitenden Verkehr und damit verbundene Potenziale ein. „Hier gibt es z.B. für den TRILEX über Seifhennersdorf hinaus noch Entwicklungschancen“, so der Verkehrsplaner.
Hans-Jürgen Pfeiffer schilderte folgend die Sichtweise als Geschäftsführer des regionalen Verkehrsverbundes. Die Streckenstilllegungen mussten aufgrund des enormen finanziellen Drucks von Seiten der Landesregierung erfolgen, die zugewiesenen Regionalisierungsmittel machten Abbestellungen schlicht unausweichlich. Dieses Problem werde sich zukünftig noch verschärfen, sollten die Zuweisungen nicht erhöht werden. Grund seien die stetig wachsenden Infrastrukturkosten. So erhalte der ZVON jährlich 45 Mio. € Regionalisierungsmittel zugewiesen, davon müssten jedoch allein 30 Mio. € an die DB Netz AG und die DB Station & Service AG für die Nutzung der Infrastruktur gezahlt werden. Für die eigentlichen Verkehrsleistungen bleiben also effektiv nur 15 Mio. € übrig, so Pfeiffer. Zum Thema eines sachsenweit einheitlichen Tarifs stimmte Pfeiffer seinen Vorrednern zu, dass hier mehr Einheitlichkeit geschaffen werden müsse, dazu seien bereits alle Verkehrsverbünde im Gespräch. Er wies jedoch auch darauf hin, dass Tarife leistungsabhängig sein müssten: „Wer weiter fährt, soll mehr bezahlen.“ Hierbei müsse aber stets darauf geachtet werden, dass jeder Tarif gegenüber den Kosten einer entsprechenden Autofahrt preisgünstiger ist, um eine hohe Attraktivität für den Bahnverkehr zu schaffen.
In der abschließenden Diskussionsrunde wurde deutlich, dass die Bürgerinnen und Bürger sehr daran interessiert sind, dass das öffentliche Verkehrsangebot in ihrer Region wieder verbessert wird. Mit den anwesenden Experten wurden konkrete Möglichkeiten diskutiert, etwa die Reaktivierung der ehemaligen Hauptbahn Oberoderwitz – Herrnhut – Löbau, die jetzt nicht kurzsichtig mit einem Radweg überbaut werden dürfe.
Fotografie bei Veranstaltungen
Gemäß des Kunsturhebergesetzes § 22 können Fotos von Veranstaltungen der Fraktion veröffentlicht werden. Falls Sie nicht auf Bildern erscheinen wollen, sagen Sie bitte der Fotografin/dem Fotografen Bescheid.
Social Media