Torgau – ein Radfahrerparadies?!
Am 2. April hatte die GRÜNE-Landtagsfraktion in die Kulturbastion Torgau eingeladen, um die Perspektiven des Radverkehrs in der nordsächsischen Stadt zu diskutieren. Eva Jähnigen, verkehrspolitische Sprecherin der GRÜNEN-Fraktion moderierte. Mit ihr hatten auf dem Podium Platz genommen: Konrad Krause, Geschäftsführer des ADFC Sachsen; Tim Tröger vom Stadtlabor Leipzig und Planer des Radkonzepts für den Landkreis Nordsachsen; Hartmut von Wantoch, Baudezernent der Stadt Torgau sowie Stefan-Felix Winkler, ein aktiver Radfahrer aus Torgau: Sie kamen mit rund 20 interessierten Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch.
„Torgau ist nach statistischen Zahlen die Fahrradhochburg in Sachsen“, stellte Eva Jähnigen zu Beginn ihrer Eröffnung heraus. Nach einer Studie der TU Dresden aus dem Jahr 2008 erreicht Torgau mit 28 Prozent Radverkehr am gesamten städtischen Verkehrsaufkommen den landesweiten Spitzenwert. Dieses Ergebnis stünde im Einklang mit dem positiven Trend in der Gesamtentwicklung des Radverkehrs. Im Missverhältnis dazu seien jedoch die Finanzausgaben der Landesregierung für den Radverkehr drastisch eingeschränkt worden, so Jähnigen. Zwischen 2009 und 2013 wurden die Pro-Kopf-Ausgaben für die Förderung der Radinfrastruktur in Sachsen von 1,62€ auf 0,88€ nahezu halbiert. Jähnigen kritisierte, dass die Landesregierung keinerlei Ziele hinsichtlich der Radverkehrsanteile am Modal Split oder im Tourismus verfolge und hierfür weder Finanzmittel noch Mitarbeiterkapazitäten zur Verfügung stelle. Die GRÜNE-Landtagsfraktion fordert einen konkreten Zielekatalog. Sie will in den kommenden sechs Jahren 20 Prozent aller zurückgelegten Wege in Sachsen auf das Fahrrad verlagern, die Ausgaben für den Radverkehr auf mindestens 10 Euro pro Kopf erhöhen und mehr Sicherheit für Radfahrerinnen und Radfahrer.
Konrad Krause vom ADFC Sachsen bekräftigte anschließend die Potenziale des Radverkehrs und die Notwendigkeit einer stärkeren Förderung. „Radverkehrsförderung ist eine gesellschaftlich wünschenswerte Entwicklung“, denn die Trends in der Bevölkerung gingen immer mehr hin zu einem stärkeren Gesundheitsbewusstsein in Verbindung mit einer höheren Lebensqualität. Die Wahl des Verkehrsmittels erfolge immer mehr situationsabhängig, die Menschen würden heute alle Verkehrsträger je nach Bedarf und Ziel ihres Weges nutzen.
Wie ein Radverkehrskonzept aussehen kann, stellte anschließend Tim Tröger vom Stadtlabor Leipzig dar, der ein entsprechendes Konzept für den Landkreis Nordsachsen erarbeitet hat. Nach seiner Ansicht erfordern auch kleinere und mittlere Städte wie Torgau in ihrer Komplexität ein eigenes Radverkehrskonzept, das in übergeordnete Konzepte (etwa auf Landkreisebene) eingebunden ist und sowohl den touristischen Bedarf als auch die Bedüfnisse alltäglicher Wege beachtet. Ein solches Konzept müsse zudem als System verstanden werden und über die reine Infrastrukturebene hinausgehen. Serviceeinrichtungen und entsprechende Öffentlichkeitsarbeit müssten immer Teil eines Konzeptes sein, die entsprechenden Zielstellungen müssten zudem auch auf Verwaltungsebene ankommen. Zur Umsetzung solcher Ziele seien Umstrukturierungen auf Verwaltungsebene nötig, um dem Radverkehr mehr Aufmerksamkeit widmen zu können. Gute Absichten allein reichen nicht aus, „man muss sich dazu bekennen und Investitionsmittel zur Verfügung stellen“, so Tröger. Er machte zudem deutlich, dass in vielen Fällen gar keine Neubauten von Wegen notwendig seien, sondern vorhandene Strukturen genutzt werden könnten.
Der aktive Radfahrer Stefan-Felix Winkler aus Torgau kritisierte nachfolgend, dass das vorhandene Potenzial von Torgau als Zentrum eines interessanten Radtouren-Gebietes nur ungenügend genutzt würde. Der Anschluss von Torgau an den Elberadweg, an Radwege in Richtung Spreewald und Sachsen-Anhalt oder auch die Anbindung an den Radfernweg Leipzig – Berlin werde zum einen im Stadtgebiet nicht ausgeschildert und zum anderen generell nur mangelhaft beworben.
Bauderzent Hartmut von Wantoch erläuterte die Sichtweise der Stadt Torgau. Er räumte ein, dass es Mängel hinsichtlich der Radverkehrsinfrastruktur im Stadtgebiet gebe, die auch den städtischen Entscheidungsträgern bekannt seien, aber nicht ohne weiteres gelöst werden könnten. Die Stadt sei bestrebt, die Bedingungen für Radfahrerinnen und Radfahrer zu verbessern, unterliege jedoch häufig Restriktionen. Von Wantoch argumentierte, dass in einigen Fällen Eigentumsverhältnisse und Landschaftsschutzgebiete den Wünschen entgegenstünden und dass zudem die Breite der Straßen und Bürgersteige oftmals nicht ausreichend sei, um Radwege entsprechend der gesetzlichen Vorgaben anlegen zu können. Viele von Stefan-Felix Winkler aufgezeigte Problemstellen seien zudem Bundesstraßen und lägen somit nicht im Verantwortungsbereich der Stadt Torgau. Die Stadt habe ihre Hausaufgaben gemacht und Gespräche mit Grundstücksbesitzern zur Realisierung geplanter Ausbauprojekte geführt, letztlich würden jedoch die benötigten Finanzmittel vom Landesamt für Straßenbau – und Verkehr fehlen. Fördermittel seien begrenzt und es gebe immer auch anderweitige Prioritäten in der Umsetzung von Infrastrukturprojekten, wie etwa die Erneuerung von Brücken, die andernfalls komplett gesperrt werden müssten.
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